Pünktlich zum Jubiläum der ersten Fahrt der Eisenbahn in Deutschland erscheint in einem kleinen fränkischen Verlag eine reich bebilderte Kulturgeschichte der Deutschen Eisenbahn.
Der Autor Hermann Glaser war über 25 Jahre lang Kulturdezernent in Nürnberg und hat sich auch durch zahlreiche Publikationen über pädagogische, sozialwissenschaftliche und kulturpolitische Themen einen Namen gemacht.
Die erste Eisenbahnfahrt am 7. Dezember 1835 verlief schnurgerade von Nürnberg nach Fürth auf genau der Strecke, die ich schon seit 20 Jahren auf dem Weg zur Arbeit zurücklege – als Wahl-Fürther jedoch in umgekehrter Richtung und zum größten Teil unterirdisch, denn heute verläuft entlang dieser Strecke die U-Bahn.
Über 20 Jahre warben damals die Befürworter für die Eisenbahn, bevor schließlich 1833 eine Aktiengesellschaft für den Bau einer Bahn zwischen Nürnberg und Fürth gegründet wurde. Die Lokomotive, der legendäre „Adler“, stammte aus der Fabrik des berühmten Erfinders George Stephenson. Der englische Lokführer Wilson brachte die in Einzelteile zerlegte Lokomotive in Kisten nach Nürnberg und blieb gleich hier. König Ludwig I. von Bayern gab der Bahnstrecke zwar seinen Namen, bevorzugte jedoch den gleichnamigen Kanal, der Main und Donau verbinden sollte, als scheinbar zukunftsträchtigeren Verkehrsweg. Die Ludwigs-Eisenbahn stach den noch heute als Kulturdenkmal zu besichtigenden Ludwigskanal jedoch rasch aus.
Das Schienennetz in Deutschland wurde rasch ausgeweitet und bei dem Streckenbau durch weniger günstiges Gelände waren manche Pioniertaten zu leisten. Zahlreiche Nebenbahnen wurden angeschlossen, etliche aber später auch wieder stillgelegt. Die Eisenbahn läutete einen neuen Abschnitt in der Weltgeschichte ein, dem der Hauptteil des Buches gewidmet ist. Als Gegenkraft zum feudalen Gesellschaftssystem galt sie vielen als revolutionärstes Mittel in der Geschichte des Verkehrs, der Wirtschaft und der Kultur.
Im zweiten Teil des Buches werden unter der Überschrift „Im Zeichen moderner Nervosität“ u.a. die Bahnhöfe als Start- und Endpunkte der nun erst für alle ermöglichten Reisen, die Klasseneinteilung – die Holzklasse kennen die meisten nur noch vom Hörensagen - und die trotz aller Sicherheitstechnik nicht auszuschließenden Eisenbahnunglücke behandelt.
Mit „Menschenmaterial – Abgrund auf Schienen“ ist der dritte Teil überschrieben, das das dunkelste Kapitel der deutschen Eisenbahn beschreibt, ihre unrühmliche und lange Zeit auch gerne totgeschwiegene Rolle im Dritten Reich. Weder der Vernichtungskrieg im Osten noch die Deportation von Millionen Menschen in Güterwägen und Viehwaggons in die Konzentrationslager wären ohne die Reichsbahn möglich gewesen. Aus fast allen Regionen Europas wurden Juden mit der Eisenbahn nach Auschwitz deportiert, wo die Gleisanlagen direkt bis in das Vernichtungslager führten.
Das auch mit zahlreichen Texten aus der Weltliteratur versehene Buch wird bei allen Zugreisenden auf großes Interesse stoßen! Der legendäre "Adler", bzw. die inzwischen wieder restaurierte Original-Nachbildung der ersten Lokomotive, ist im DB-Museum in Nürnberg zu besichtigen, das sich auch an den Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr beteiligt.
Glaser, Hermann:
Kulturgeschichte der Deutschen Eisenbahn
Gunzenhausen: Schrenk-Verlag, 2009. - 223 S.: zahlr. Abb. und Pläne
ISBN: 978-3-924270-64-3 fest geb. 29,90 €
(Norbert Hellinger)