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Nobelpreis für Literatur 2020 geht an Louise Glück

... "für ihre unverwechselbare poetische Stimme, die mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell macht".

Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück / © Niklas Elmehed for Nobel Media

Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück / © Niklas Elmehed for Nobel Media

Am Donnerstag, den 8. Oktober um 13 Uhr öffneten sich die weißen Flügeltüren der Schwedischen Akademie in Stockholm und der Ständige Sekretär trat vor die Presse (bedingt durch die Pandemie deutlich weniger Journalisten als sonst), um die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin bekannt zu geben.

Der Nobelpreis für Literatur 2020 wird an die amerikanische Dichterin Louise Glück verliehen, „für ihre unverwechselbare poetische Stimme, die mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell macht“, so das Nobelkomitee.

Die Entscheidung ist eine Überraschung, denn die Schriftstellerin wurde vorab nicht als Favorit*in gehandelt, sie gilt in Deutschland als eher unbekannt. Stattdessen wurde auf Namen aus ganz unterschiedlichen Kontinenten gesetzt.

Louise Glück hat 1968 ihr Debüt bei Firstborn gegeben und sich bald den Ruf erworben, eine der bekanntesten Dichterinnen der amerikanischen zeitgenössischen Literatur zu sein, so Anders Olsson, Vorsitzender des Nobelausschusses, in seinem biobibliografischen Überblick.

Sie wurde 1943 in New York geboren und lebt in Cambridge, Massachusetts. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin ist sie Professorin für Englisch an der Yale University in New Haven, Connecticut. Sie hat mehrere renommierte Auszeichnungen erhalten, darunter den Pulitzer-Preis (1993) und den National Book Award (2014).

Louise Glück wurde vor allem als Lyrikerin bekannt. Sie hat zwölf Gedichtsammlungen und einige Lyrikbände veröffentlicht. Kennzeichnend für ihr Werk sei das Streben nach Klarheit. Glück suche das Universelle und lasse sich dabei von Mythen und klassischen Motiven inspirieren, die sie in den meisten ihrer Werke aufgreife: Stimmen von Dido, Persephone und Eurydike - Verlassene, Bestrafte, Verratene.

Mit Sammlungen wie The Triumph of Achilles (1985) und Ararat (1990) habe sich Glück bei einem wachsenden Publikum in den USA und im Ausland etabliert. In Ararat würden drei Merkmale ihres Schreibens, die sich bei späteren Werken wiederholen, deutlich: das Thema Familienleben, Intelligenz und ein verfeinerter Sinn für Komposition.

Louise Glück sei auch eine Dichterin des radikalen Wandels und der Erneuerung aus einem tiefen Gefühl des Verlustes heraus. Der entscheidende Moment der Veränderung sei bei ihr oft von Humor und Witz geprägt.

In einer ihrer anerkanntesten Sammlungen, The Wild Iris (1992), für die sie den Pulitzer-Preis erhielt, beschreibe sie in dem Gedicht „Schneeglöckchen“ die wundersame Rückkehr des Lebens nach dem Winter:

I did not expect to survive,
earth suppressing me. I didn’t expect
to waken again, to feel
in damp earth my body
able to respond again, remembering
after so long how to open again
in the cold light
of earliest spring –

afraid, yes, but among you again
crying yes risk joy

in the raw wind of the new world.


Weitere Werke sind Averno (2006) und ihre neueste Kollektion Faithful and Virtuous Night (2014), für die Glück den National Book Award erhielt.

In deutscher Sprache bei Luchterhand erschienene Werke:

Averno : Gedichte / übersetzt von Ulrike Draesner. – München : Luchterhand, 2007. – Originaltitel: Averno

Wilde Iris : Gedichte / übersetzt von Ulrike Draesner. – München : Luchterhand, 2008. – Originaltitel: The Wild Iris


Derzeit sind keine Veröffentlichungen in Deutsch von der Lyrikerin lieferbar, lediglich vereinzelt ein enthaltenes Gedicht in einer Sammlung. Das wird sich aber sicherlich bald ändern.

Der Nobelpreis für Literatur, seit 1901 vergeben, gilt als wichtigste literarische Auszeichnung weltweit. Die Preise sind dieses Jahr mit zehn Millionen Kronen (rund 950 000 Euro) dotiert und werden am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht.

Die Wissenschafts-Nobelpreise werden jeweils für eine einzelne herausragende Leistung verliehen, der Literaturnobelpreis hingegen erstreckt sich auf das gesamte Schaffen eines*r Schriftstellers*in, soll nach Alfred Nobels Wunsch an ein "in idealer Weise herausragendes Werk" vergeben werden.

Die Schwedische Akademie hatte 197 Kandidaten für 2020 nominiert, darunter 37 zum ersten Mal (die Kandidatenliste wird übrigens traditionell für 50 Jahre lang geheimgehalten).

Die  Auszeichnung wurde 2018 aufgrund von internen Skandalen ausgesetzt. Inzwischen wird die Akademie von einem neuen Vorsitzenden geleitet und neue Mitglieder und Statuten sollen künftig mehr Transparenz herstellen. Aber auch die Doppelvergabe im Jahr 2019 war ambivalent. Die Auszeichnung der Polin Tokarczuk (nachträglich für 2018) wurde allgemein gelobt, die Auswahl des umstrittenen österreichischen Schriftstellers Peter Handke (2019) erregte Kritik in Öffentlichkeit und Medien, weil Handke sich im Balkan-Konflikt in den 90er Jahren auf der Seite Serbiens positioniert habe.

Louise Glück (Wikipedia)

Biobibliografische Hinweise (engl.)

Offizielle Website zum Nobelpreis für Literatur

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