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    24.03.16

    Hitler dekonstruieren

    Podiumsdiskussion in Vaterstetten zur kritischen Edition von Hitlers "Mein Kampf"
    (Fotos Gemeindebücherei Vaterstetten)

    Die kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf" ruft sehr unterschiedliche Reaktionen hervor. Eine Podiumsdiskussion in Vaterstetten.

    „Es ist für dieses Buch jetzt zu spät.“ Mit diesem Statement positionierte sich Aron Buck von der Israelitischen Kultusgemeinde München bei der Podiumsdiskussion zu der die Vaterstettener Gemeindebücherei und das Kreisbildungswerk Ebersberg am 18. März eingeladen hatten. „Unsere Strategie ist bis jetzt aufgegangen“, resümierte hingegen Simone Paulmichel vom Münchner Institut für Zeitgeschichte über das gerade abgeschlossenes Mammutprojekt, dessen Ergebnis bundesweit mit großer Spannung erwartet worden war. Am 9. Januar 2016 ist die kommentierte Ausgabe von Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" erschienen. Die Diskussion um Sinn und Kosten dieses Unterfangens dauert bis heute an, nicht zuletzt in kleineren Büchereien stellt sich aufgrund des Preises von 59 Euro die Frage: Anschaffen oder nicht?

    "Mein Kampf" sei ein Pamphlet des Hasses und die ideologische Grundlegung des Holocausts, so Buck. 1927 wäre eine kommentierte Ausgabe sinnvoll gewesen. Heute gäbe es ungleich wichtigere Themen. Die wenige Zeit, die noch im Geschichtsunterricht zur Verfügung stünde, sollte nicht mit der Person Hitler zugebracht werden. Dem pflichtete auch Franz Frey bei, der als Geschichtslehrer am Grafinger Gymnasium tätig war. Kein Schüler würde die Originalausgabe von Mein Kampf lesen, auch die kommentierte Ausgabe könnte man höchstens punktuell und mit wenigen Seiten im Unterricht verwenden. Schüler würden beim Thema Rechtsextremismus und Nationalsozialismus vor allem in und von der Verwandtschaft lernen. Frey hat in seiner aktiven Zeit als Lehrer die Erfahrung gemacht, dass die Schüler – auch die der Oberstufe – noch um ein paar Jahre zu jung sind, um sich intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen.
    Eine solche Lektüre sei auch nie von den Herausgebern beabsichtigt gewesen: „Unser Buch ist kein Schulbuch“, stellte Paulmichl fest. In der Welt der Wissenschaft sei das Werk aber sehr wohlwollend aufgenommen worden. Es habe auch von einschlägigen Fachrezensenten kaum kontroverse Beurteilungen gegeben. Vor allem aber auch von ganz normalen Menschen, die sich für Gesellschaft und Geschichte interessierten, sei sehr viel Zustimmung gekommen. Dem pflichtete auch ein hochbetagter Zuhörer bei, der kundtat, ihn interessiere vor allem die Frage, was sie damals erlebt hätten. Er räumte dabei ein, dass er immer noch damit beschäftigt sei, die Vorgänge der NS-Zeit zu verstehen und zu verarbeiten.

    Man wolle vor allem Hitler dekonstruieren, erläuterte Paulmichl eine der wesentlichen Zielsetzungen des Instituts für Zeitgeschichte. In einem knappen vorgeschalteten Vortrag zeigte die Historikerin anhand von einigen Beispielen, wie sehr Hitler seine Biographie in der Selbstdarstellung geschönt und bisweilen regelrecht mit frei erfundenen Passagen konstruiert hat. Es handle sich um den am schlechtesten geschriebenen Bestseller der Geschichte. Bei der kritischen Edition habe man, nicht zuletzt auch in Rücksicht auf Opfergruppen, bewusst das Buch im Eigenverlag herausgebracht. Niemand sollte damit großen Gewinn machen. Der Preis von 59 Euro ist in Anbetracht von zwei Bänden mit 1966 Seiten und mehr als 3.000 Fußnoten nicht kostendeckend.

    Ein Aufwand den Buck für schlichtweg unnötig hält, denn eine unkommentierte Neuauflage könnte man seiner Ansicht nach umgehend wegen Volksverhetzung vom Markt nehmen. Außerdem würden sich rechte Kreise ohnehin des Internets bedienen, wo genau solche Ausgaben vielfach zu bekommen seien. An der jüdischen Gemeinschaft nage das Thema Holocaust auch heute noch unentwegt, „weil uns die Menschen fehlen“ – den Stammbäumen seien die Äste abgeschnitten.

    Genau diese Reaktionen hätten den Bayerischen Ministerpräsident Horst Seehofer 2013 bei dessen Besuch in Israel sehr bewegt, berichtete Monika Franz von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung. Man würde im Moment einfach die Reaktionen abwarten und im Laufe des Sommers Bedarfe abfragen. Möglicherweise wird die kritische Edition dann mit einer entsprechenden Handreichung für die Bildungsarbeit weiter aufbereitet.
    Aaron Buck widersprach der These, das Hitlers "Mein Kampf" seinerzeit ein „Schenkbuch“ fürs Regal gewesen sei, das niemand gelesen habe. Die Leute hätten das Buch sehr wohl gelesen und Hitler trotzdem gewählt. „Wir sind da evolutionär nicht so viel weitergekommen“, bilanzierte der Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde ernüchtert. Er konstatierte auch, dass der Antisemitismus heute viel stärker zu Tage trete wie noch vor wenigen Jahren. Auch wenn er persönlich schon damit klar käme, dass es diese Neuauflage gäbe, so sei es doch eine Aufwertung dieses Pamphlets, die vor allem von den aktuellen rassistischen und antisemitistischen Erscheinungen ablenke. Es sei eben grundsätzlich zu spät für das Werk.

    Eine Einschätzung, die naturgemäß die Vertreterin der Herausgeber nicht teilen konnte. Langfristig sei sogar gedacht, im Sinne von open access die Bände online zu stellen. Man wolle das gesellschaftliche Feedback auf das Werk abwarten.

    Unstrittig unter den Teilnehmern war, wie sehr Aufklärung und Bildung in diesen Fragen nötig sei. Zu dieser Aufklärung haben das Kreisbildungswerk Ebersberg und die Gemeindebücherei Vaterstetten mit der Organisation dieses Abends beigetragen.

      

    Bibliothek:Gemeindebücherei Vaterstetten
    Anschrift:Johann-Strauß-Str. 37
    85598 Baldham
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    E-Mail:buecherei@vaterstetten.de
    Ansprechpartner:Christina Walser
    E-Mail:christina.walser@vaterstetten.de
    Internet:Homepage der Gemeindebücherei


    Von: Christina Walser

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