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    Buechergruefte

    Gefährliche Bücher ... und wo sie zu finden sind Steinhauer, Eric W.: Büchergrüfte

    Am Anfang, bevor wir uns den Fragen zuwenden, "warum Büchersammeln morbide und Lesen gefährlich ist", steht die Entwarnung: Das nun Folgende bezieht sich keineswegs aufs RW21, das freundlich lebhafte Haus am Ende der Fußgängerzone in Bayreuth. Doch andernorts in der Bücherwelt lauern Verborgenes, Verfall und Tod, wie uns Eric W. Steinhauer, Jurist und Direktor der Universitätsbibliothek Hagen, morbide und charmant in seinem skurrilen Buch erzählt: Äußerlich ist es elegant und bibliophil gestaltet, mit morbiden Symbolen im Text und Totenkopf auf schwarzem Einband. Der Inhalt vermittelt Lehrreiches wie Unterhaltsames, angereichert mit Anekdoten und Zitaten rund um Bibliotheken.

    Für Jorge Luis Borges waren Bibliotheken Paradiese. Wohl dem, den es nicht nur im Diesseits, sondern auch im Jenseits dorthin führt! Berühmte Beispiele für Bibliotheksbestattungen sind: Trajan in der Bibliotheca Ulpia, Ariosto im Palazzo Paradiso in Ferrara und (zumindest der Schädel von) Goethe (vorübergehend) im Rokokosaal der Weimarer Bibliothek. Massenweise Tote ließen sich in Bibliotheken finden, die im Mittelalter als Kirchen genutzt wurden, wie die Unibibliothek Göttingen. Mumien dienten in den Wunderkammern des 16. Jahrhunderts – wie andere "natürliche" Beigaben – der Veranschaulichung der Buchinhalte, in Zeiten der Papierknappheit gar als Daten- und auch Milzbrandträger.  Papiermühlen verbreiteten nicht nur diesen "Fluch des Pharao", sie lösten sogar  – viel gravierender – Pestwellen aus. Denn die Lumpen, die zur Papierherstellung verwendet wurden, übertrugen – durch die Flöhe in der Kleidung von Pesttoten – mitunter das Bakterium. Nicht nur Papier, auch Bücher standen einst im Verdacht, ansteckend zu sein, z.B. als Überträger von Tuberkulose. Heutzutage kann zwar nahezu ausgeschlossen werden, dass Bücher physische Krankheiten verursachen. Offen bleibt jedoch die mögliche Auslösung von psychischen Erkrankungen: Die Bibliolatrie äußert sich in der übertriebenen Anbetung von Büchern oder aber in der starren Fixierung auf das geschriebene Wort. Lukubration entsteht durch intensives Lesen zu nächtlicher Zeit, zur Geisterstunde, in der die Fiktion mit der Realität verschwimmt und der Geist der (Un-)Toten vampirgleich die Lebenden ergreift... So schlimm muss es gar nicht kommen. Allein die bloße Gewissheit, bei einer täglichen Lesezeit von 6 Stunden maximal 3.800 Bücher in 75 Lebensjahren zu schaffen, versetzt den passionierten Leser – angesichts von jährlich 90.000 Neuerscheinungen – in tiefste Melancholie.

    Nach all den historischen Rückblicken schließt  das Buch mit einem Blick in die Zukunft, einem emotionalen Plädoyer für das physische Buch: "Es verleiht einer zunächst nur abstrakt vorliegenden geistigen Schöpfung eine sinnlich erfahrbare Präsenz, einen konkreten Ort" (S. 127). Auch Bibliotheken weissagt Steinhauer eine große Zukunft "als Orte, an denen Menschen mit ihren Gedanken und Gefühlen über den Tod hinaus erfahrbar und präsent bleiben, als Büchergrüfte, in denen die Leser sich ihrer eigenen Endlichkeit stellen können" (S. 133).

    Viel Spaß bei der Lektüre und der Entdeckung noch vieler anderer literarischer Kuriositäten wünscht Ihnen Claudia Dostler, lt. Belá Hamvas als Bibliothekarin "grau wie Kellerasseln… die Augen ohne Schimmer… kurzsichtig... ihre Bewegungen grotesk" (S. 79).


    (Claudia Dostler, Stadtbibliothek Bayreuth)

     

    Dieser Medientipp erschien zuerst als "Medientipp des Monats" auf der Website der Stadtbibliothek Bayreuth im RW21.

     

     

    Steinhauer, Eric W.:
    Büchergrüfte : warum Büchersammeln morbide ist und Lesen gefährlich / Eric W. Steinhauer. - Darmstadt : Lambert Schneider, 2014. - 144 S. : Ill. ; 20 cm
    Lit.-Verz.
    ISBN 978-3-650-40021-5 fest geb. : EUR 16,95

     

     

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