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    Medientipps

    Cover Traeumer

    Die Dichter und die Münchner Räterepublik 1918/19 Weidermann, Volker: Träumer

    „Natürlich war es ein Märchen gewesen, nichts als ein Märchen, das für ein paar Wochen Wirklichkeit geworden war”, so beginnt Volker Weidermanns historischer Roman „Träumer - Als die Dichter die Macht übernahmen”. Der Autor liefert mit diesem Buch zwar auch eine Geschichtschronik, aber das ist nicht das Besondere. Denn die historischen Fakten dieser sechsmonatigen Zeitspanne von November 1918 bis Mai 1919 in München kann man minutiös in Nachschlagewerken nachlesen. Das Faszinierende ist vielmehr die Parade der bekannten Schriftsteller, die Weidermann als Zeitzeugen antreten lässt.

    Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Flucht des Königs begann eine turbulente Zeit, in der Idealisten die Chance sahen, die Welt gerechter und menschenfreundlicher zu gestalten. Pazifismus, soziale Gleichheit und direkte Demokratie - diese Schlagworte waren damals in aller Munde. Literaten wurden zu politischen Aktivisten und hofften, ihre wortreich verkündeten Träume von einem besseren Leben in die Tat umsetzen zu können. Der Theaterkritiker Kurt Eisner (USPD) rief am 8. November 1918 in München den Freistaat Bayern aus und wurde deren 1. Ministerpräsident. Nach den Januarwahlen musste er festellen, dass er nur 2,5 Prozent der Stimmen bekommen hatte. Am 21. Februar 1919 wurde er von einem Rechtsnationalen ermordet.

    Der Schriftsteller Ernst Toller übernahm nach Eisners Tod die Führungsrolle im weiteren Geschehen, zunächst als Regierungschef einer äußerst fragilen Räterepublik, die am 7. April 1919 ausgerufen und insbesondere von den Kommunisten nicht akzeptiert wurde. „München, Hauptstadt des Südens, Stadt der Glücksucher, Heilssucher und Utopisten. Und alle, so schien es Toller, hatten sich nun in seinem neuen Palast eingefunden, um sich ihre eigene kleine private Utopie von ihrem Zauberkönig verwirklichen zu lassen” (S. 165).

    Tollers Mitstreiter waren u.a. Gustav Landauer als Volksbeauftragter für Erziehung und Unterricht sowie dessen Mitarbeiter Ret Marut alias B. Traven, der Finanzexperte Silvio Gesell und Erich Mühsam.

    Beim Palmsonntagsputsch am 13. April 1919 schlugen Rotgardisten die Freikorps nieder, die im Auftrag der Reichsregierung kämpften. Der inzwischen nach Bamberg geflohene Ministerpräsident Johannes Hoffmann (vom Landtag gewählter SPD-Vertreter einer pluralistisch-parlamentarischen Demokratie) hatte diese zu Hilfe gerufen. Nun begann die zweite und kommunistische Phase der Räterepublik unter Eugen Leviné und Max Levien. Toller, der Pazifist (!), übernahm das Kommando der Roten Armee.

    Mit dem Einmarsch der Weißen Truppen endete die hoffnungsvolle Zeit, in der Dichter eine friedliche Revolution anstrebten. Die Konterrevolutionäre ermordeten mehr als 2 000 tatsächliche oder vermeintliche Anhänger der Räterepublik. Toller kam mit dem Leben davon, da Thomas Mann und Max Weber für ihn bürgten.
    Im reaktionären politischen Klima in Bayern, das nach der Niederschlagung der Räterepublik vorherrschte, konnte sich nun allmählich der Nationalsozialismus entwickeln.

    Weidermann greift auf Dokumente, Zeitzeugenberichte und Tagebucheinträge zurück, beispielsweise auf die Erinnerungen von Oskar Maria Graf und Ernst Toller. Er liefert eine auf historische Quellen gestützte Schilderung, stellt immer wieder einen Dichter oder Zeitzeugen in den Vordergrund und erzählt die Situation aus dessen Erleben.
    Weitere Protagonisten sind Rainer Maria Rilke, Thomas und Klaus Mann, Gustav Regler, Victor Klemperer, Ricarda Huch und Hermann Hesse. Auch Adolf Hitler tritt in dem Figurenreigen auf, verhält sich aber zunächst noch unauffällig.
    Die rasch wechselnde Perspektive lässt die Leser den Wirbel der Umbruchszeit nachempfinden. Ein besonderes Stilmittel der spannenden Reportage ist die Vermischung von Vergangenheit und Präsenz; letztere zieht unmittelbar ins Geschehen hinein.

    Der Titel ist auch als E-Book und leicht gekürzte Hörbuch-Fassung auf 4 CDs (mit Sprecher Axel Milberg u.a.) verfügbar.

    Die lebendige Geschichtschronik passt sehr gut zum bayerischen Jubiläum „Wir feiern Bayern” im Jahr 2018. Buch und Hörversion sprechen zunächst ein literarisch und historisch interessiertes Publikum an, können aber wegen des spannenden Reportage-Stils allgemein empfohlen werden. Alle Ausgaben sind - bei Nachfrage - bereits in kleineren Bibliotheken, ansonsten ab Mittelstadtgröße gut geeignet.
    Interessenten, die den Titel testlesen oder für eine Präsentation verwenden möchten, können das Buch gerne bei der Landesfachstelle Würzburg entleihen.

    Volker Weidermann studierte Politikwissenschaft und Germanistik, ist Schriftsteller, Literaturkritiker sowie Journalist beim Spiegel und Gastgeber des „Literarischen Quartetts” im ZDF.

    (Sabine Teigelkämper)

     

    Weidermann, Volker:
    Träumer : als die Dichter die Macht übernahmen / Volker Weidermann. - 1. Aufl. - Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2017. - 288 Seiten ; 21 cm
    ISBN 978-3-462-04714-1 fest geb. : EUR 22,00

     

     

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    Sachliteratur
    Teigelkämper, Sabine

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    Sachliteratur

    Die Dichter und die Münchner Räterepublik 1918/19

    Weidermann, Volker Träumer
    © Bayerische Staatsbibliothek